A-MIM ist kein Verfahren für jedes Metallteil. Diese Seite nennt die Fälle, in denen es meist keinen Sinn ergibt – mit Richtwerten und der Begründung dahinter. Die Werte sind keine harten Grenzen: Ein Bauteil knapp darüber ist oft durch Ausdünnen, Teilen oder eine Sinterunterlage zu retten. Weit darüber lohnt sich meist ein anderes Verfahren.
Kein Vorteil aus dem Rohteil, aber Sintern und Nacharbeit kommen dazu
CNC
Größe, Volumen und Stückzahlen: Richtwerte von FIT. Wand-, Auskragungs- und Bohrungswerte: Konstruktionsrichtlinie eines Binder-Jetting-Herstellers (Quellen unten); bei anderen A-MIM-Druckverfahren weichen sie ab.
Zu groß
Richtwert: bis etwa 150 × 100 × 80 mm
Die Kanten werden der Größe nach verglichen, das Bauteil darf also gedreht werden. Ein Teil von 160 × 60 × 40 mm liegt über dem Richtwert, eines von 80 × 140 × 60 mm darunter.
Warum es darüber schwierig wird
Der Grünling ist größer als das fertige Teil. Bei 15–20 % linearer Schwindung muss er um 18–25 % größer gedruckt werden. Aus 150 mm Endmaß werden rund 175–190 mm im Drucker.
Abweichungen wachsen mit der Länge. Die Schwindung ist in Prozent schwankend, nicht in Millimetern. Auf 150 mm wirkt dieselbe Schwankung anderthalbmal so stark wie auf 100 mm.
Großes Teil, weiche Phase. Im Ofen wird das Bauteil vorübergehend weich und muss auf seiner Unterlage mitschwinden. Je länger es ist, desto weiter rutscht es über die Auflage und desto mehr Reibung bremst einzelne Bereiche – das erzeugt Verzug.
Ein Hersteller von Binder-Jetting-Anlagen nennt für seine großen Systeme als ideale Bauteilgröße höchstens 150 × 100 × 50 mm – obwohl der Bauraum bis 800 × 500 × 400 mm reicht. Der Bauraum ist also nicht die Grenze, das Sintern ist es. Schon 200 mm Kantenlänge sind deshalb meist zu viel.
Eher geeignet: Feinguss für größere Gussformen, CNC oder Laserschmelzen. Bei Baugruppen: in zwei A-MIM-Teile teilen und fügen.
Zu klein
Richtwert: ab etwa 10 × 10 × 10 mm
Ein Würfel von 10 mm Kantenlänge hat 1 cm³ und wiegt in Edelstahl knapp 8 g.
Warum es darunter selten Sinn ergibt
Details entstehen nicht. Bohrungen unter 0,75 mm bilden sich im gesinterten Teil nicht ab, Schlitze unter 0,5 mm lassen sich nicht entpulvern. Bei einem sehr kleinen Teil sind aber gerade die Details der Grund, es additiv zu fertigen.
Die Handarbeit schrumpft nicht mit. Jeder Grünling wird einzeln aus dem Pulver genommen, gereinigt und auf die Sinterunterlage gelegt. Bei einem 5-mm-Teil kostet das fast so viel Zeit wie bei einem 50-mm-Teil, verteilt sich aber auf viel weniger Wert.
Kleine Teile in großen Mengen sind das Kerngebiet von MIM. Ein Spritzgießwerkzeug mit mehreren Kavitäten fertigt sie in Sekunden.
Eher geeignet: klassisches MIM bei hohen Stückzahlen, sonst Dreh- oder Fräsbearbeitung; Laserschmelzen bei Einzelteilen mit feiner Innenform.
Zu schwer, zu massiv
Richtwert: bis etwa 60 cm³ – in Edelstahl rund 470 g
60 cm³ × 7,9 g/cm³ (Edelstahl 316L) ≈ 474 g. Bei 17-4PH (7,75 g/cm³) sind es etwa 465 g.
Eine feste Gewichtsgrenze gibt es nicht – entscheidend sind Wandstärke, Geometrie und die Abstützung beim Sintern. Ein großes, aber dünnwandiges Gehäuse kann gehen, ein kleiner Vollblock nicht.
Warum massive Teile Probleme machen
Der Binder muss heraus. Beim Entbindern wandert der Binder aus dem Inneren nach außen. Die Herstellerrichtlinie empfiehlt höchstens 25 mm Wandstärke, und das nicht in mehr als zwei Richtungen zugleich. Ein Vollmaterial-Würfel von 25 mm Kante (15,6 cm³, gut 120 g) liegt damit schon an der Grenze, obwohl er weit unter 60 cm³ bleibt.
Massive Bereiche schwinden anders als dünne. Ein Block neben einer dünnen Wand verdichtet sich ungleichmäßig – das Teil verzieht sich oder reißt am Übergang.
Gewicht drückt auf die Unterlage. Je schwerer das weiche Teil im Ofen, desto größer die Reibung beim Mitschwinden und desto stärker der Verzug.
Oft lösbar: Ausdünnen – Taschen, Rippen statt Vollmaterial, gleichmäßige Wandstärken. Wenn die Masse funktional gebraucht wird: Feinguss oder CNC.
Zu filigran
Richtwert: Wände ab 0,75 mm, sicher ab 2 mm
Unter 0,75 mm ist der Grünling zu schwach – die Wand hält das Auspacken nicht aus.
Zwischen 0,75 und 2 mm entsteht die Wand, bleibt aber beim Entpulvern bruchgefährdet; das kostet Ausschuss und Handarbeit.
Schlanke Wände und Stifte: Höhe zu Dicke höchstens 8 : 1, bei Wänden unter 1 mm höchstens 4 : 1. Eine 1,5 mm dicke Rippe sollte also nicht höher als 12 mm sein.
Grund ist immer derselbe: Vor dem Sintern hält nur der Binder das Pulver zusammen. Das Teil ist in diesem Zustand empfindlich wie gepresster Zucker.
Eher geeignet: Laserschmelzen, bei dem das Metall schon im Drucker aufgeschmolzen wird, oder Zerspanung.
Ungeeignete Geometrie
Beim Drucken liegt das Teil gestützt im Pulverbett – dort ist fast jede Form möglich. Kritisch wird es im Ofen: Dort wird es weich und trägt sich selbst.
Merkmal
Ohne Stütze schwierig ab
Was passiert
Auskragung (frei hängend)
über 7,5 mm; vorsichtiger Richtwert 10–15 mm
hängt im Ofen nach unten
Brücke zwischen zwei Auflagen
über 20 mm
sackt in der Mitte durch
Überhängende Fläche
mehr als 30° aus der Senkrechten
braucht eine Sinterstütze
Waagrechte Bohrung
über 15 mm Durchmesser
wird oval, weil die Decke durchhängt
Tiefe Bohrung
tiefer als 8 × Durchmesser (unter 2 mm: 4 ×)
Pulver lässt sich nicht vollständig entfernen
Schmaler Schlitz
unter 0,5 mm breit oder tiefer als 8 × Breite
Pulver bleibt stecken
Geschlossener Hohlraum
ohne Öffnung
Pulver kann nicht heraus – im Pulverbett nicht baubar
Große, dünne, ebene Platte
keine feste Zahl – je größer und dünner, desto kritischer
wellt sich, weil die Fläche nicht gleichmäßig schwindet
Oft lösbar: eine definierte Auflagefläche konstruieren, Brücken und Auskragungen abstützen oder mit einer angepassten Sinterunterlage arbeiten. Mehr dazu unter Sintern verstehen. Wenn die Form genau so bleiben muss: Laserschmelzen.
Fast überall eng toleriert
Grenze: wenn mehr bearbeitet als im Sinterzustand gelassen wird
Das Bauteil schwindet beim Sintern um etwa 15–20 % linear, und das nicht in allen Raumrichtungen gleich. Die Schwindung wird ausgeglichen, aber jede Schwankung wirkt auf das ganze Maß:
Für 100 mm Endmaß bei 17,5 % Schwindung wird der Grünling mit rund 121 mm gedruckt. Weicht die Schwindung um nur 0,5 Prozentpunkte ab, sind das 0,6 mm am fertigen Teil.
Passungen, Dichtflächen und Gewinde werden deshalb nachbearbeitet. Muss das fast überall geschehen, trägt das Rohteil kaum noch etwas bei – dann kommen zum Fräsen noch Druck und Sintern dazu.
Eher geeignet: CNC aus dem Vollen. Ausnahme: Das Rohteil spart trotz Nacharbeit viel Zerspanvolumen oder Aufspannungen – siehe Nachbearbeitung.
Zu wenige Teile
Richtwert: unter etwa 50 Stück meist nicht wirtschaftlich, 50–250 im Jahr Grauzone
Warum
Die Prozessauslegung fällt einmal je Bauteil an. Lage im Bauraum, Sinterunterlage und Schwindungsausgleich werden für jedes neue Teil festgelegt und oft an ersten Mustern nachgestellt. Erste Musterbauteile mit abgestimmtem Prüfprogramm beginnen bei FIT bei etwa 5.000 Euro.
Bei zehn Teilen trägt jedes Teil ein Zehntel davon, bei tausend nur ein Tausendstel.
Laserschmelzen braucht keine Sinterauslegung. Das Metall wird im Drucker aufgeschmolzen, das Teil schwindet nicht um 15–20 %. Für Einzelteile und Kleinmengen bis etwa 50 Stück ist es deshalb meist günstiger.
Gezählt wird die Bauteilfamilie: 30 Varianten mit je 20 Stück sind 600 Teile auf einer gemeinsamen Grundform – das kann für A-MIM interessant sein, wenn sich die Varianten nur außerhalb des sinterrelevanten Grundkörpers unterscheiden.
Eher geeignet: Laserschmelzen oder CNC. Prototypen für eine spätere A-MIM-Serie lassen sich aber schon mit A-MIM fertigen – dann ist die Auslegung für die Serie gleich erledigt.
Zu viele gleiche Teile
Richtwert: ab etwa 50.000 identischen, gut spritzgießbaren Teilen im Jahr klassisches MIM mitrechnen
Warum
Beim MIM entsteht die Form im Spritzgießwerkzeug. Das Werkzeug ist ein hoher Einmalaufwand, danach dauert ein Schuss Sekunden. Je mehr gleiche Teile, desto weniger fällt das Werkzeug ins Gewicht.
A-MIM spart genau dieses Werkzeug – ein Vorteil, der bei sehr großen Mengen derselben Ausführung kaum noch zählt.
Bei einfacher Form auch früher: MIM-Anbieter nennen eine kostengünstige Serienfertigung teils schon ab 5.000 Stück im Jahr. Ist das Teil gut entformbar und ändert sich nicht, sollte MIM deshalb auch unter 50.000 Stück verglichen werden.
Entscheidend ist, worauf sich die Menge verteilt: 50.000 Teile in 40 Varianten sind je Variante nur 1.250 Stück – dafür bräuchte MIM 40 Werkzeuge oder Wechseleinsätze. Dann bleibt A-MIM im Spiel.
Eher geeignet: klassisches MIM. Wenn Hinterschnitte oder innenliegende Kanäle ein Werkzeug unmöglich machen, bleibt A-MIM auch bei großen Mengen eine Option.
Einfache Form
Kein Richtwert in Zahlen – erkennbar daran, dass das Teil ohne Umspannen gedreht oder gefräst werden kann
A-MIM spielt seine Stärken bei Kanälen, Hinterschnitten, zusammengeführten Funktionen und Varianten aus. Eine Welle, ein Flansch oder eine Platte mit Bohrungen ziehen daraus keinen Vorteil – sie bekommen aber zusätzlich Druck, Entbindern, Sintern und die Nacharbeit der Funktionsflächen.
Eher geeignet: Drehen oder Fräsen. Wann sich ein Teil trotzdem lohnt umzudenken, zeigt Rohteil denken.
Knapp darüber ist nicht gleich ausgeschlossen
Die Werte beschreiben, wo es schwierig wird. Ob ein konkretes Bauteil trotzdem passt – oder mit einer kleinen Änderung passend wird –, entscheidet der Blick auf Geometrie, Werkstoff und Stückzahl. Auch die Antwort „hier ist ein anderes Verfahren besser“ ist ein Ergebnis des Bauteilchecks.
Schwindung 15–20 %: Richtwert der Verfahrensfamilie, siehe Technologie.
Wandstärken, Schlankheit, Auskragungen, Brücken, Bohrungen, Schlitze, ideale Bauteilgröße: Desktop Metal, Binder Jet Design Guide (81-00239 Rev01). Die Werte gelten für Binder Jetting; Cold Metal Fusion und Metal FFF haben eigene Grenzen.